Vom Engagement jenseits des Opfers

Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich und Mitbegründer des Wiener Spendenparlaments im Gespräch über die Anfänge des Vereins.

 

Herr Chalupka, Sie sind einer der Gründerväter des Wiener Spendenparlaments (WSP). Woher stammt diese Idee?

Die Uridee des Spendenparlaments stammt aus Hamburg, wo es das Spendenparlament schon seit vielen Jahren erfolgreich gibt. In Hamburg sind besonders viele sozial gesinnte Bürger, die kritisch sind und genügend Geld haben, um sich zu engagieren. Außerdem ist es eine protestantische Idee, sich zu engagieren, mitzureden und mitzubestimmen und die funktioniert im protestantischen Umfeld natürlich besonders gut.

 

Österreich ist traditionell mehrheitlich katholisch, funktioniert die Idee hier trotzdem?

Ja, wir konnten sie aber nicht eins zu eins übertragen. Österreich hat eher eine Charity-Kultur. Charity ist ja so etwas wie ein säkularisierter Opfergedanke. Theologisch gesprochen, bedeutet ein Opfer, dass der Mensch Gott oder den Göttern etwas gibt, die dann etwas für diese Person tun. Säkularisiert heißt das, dass ich meinen Lohn schon in den Seitenblicken empfange. Das Spendenparlament ist das Gegenmodell dazu, denn durch den Aspekt der Mitbestimmung geht es weit über das Geldsammeln und Geldverteilen hinaus.

 

Was war Ihre Motivation ein Spendenparlament im Raum Wien zu gründen?

Wir wissen aus der Arbeit der Diakonie und der Armutskonferenz, dass es sehr viel Notwendigkeit gibt, lokal im Raum Wien etwas zu tun. Gute Ideen scheitern oft nur daran, dass Startkapital nötig wäre. Häufig sind das vergleichsweise geringe Summen – daher war die Überlegung, wie wir auf unabhängigem Weg auch für unkonventionelle Projekte Unterstützung bekommen können.

 

Warum ist das Wiener Spendenparlament angesichts der vielen großen Organisationen (Diakonie, Caritas, Licht ins Dunkel etc.) die auf dem sozialen Sektor tätig sind, überhaupt nötig?

Unser Ansatz ist es Lücken zu füllen und Starthilfe zu leisten. Daneben ist das Spendenparlament das einzige regionale Instrument. Zu den Projekten kann man hingehen, kann sie auch kritisch überprüfen und sich auch einbringen, was bei anderen, die nicht auf den Raum Wien konzentriert sind, sehr viel schwieriger ist.

 

Warum war 1998 aus Ihrer Sicht der richtige Zeitpunkt für die Gründung des Wiener Spendenparlaments?

Das hing mit der Gründung der Armutskonferenz im Jahr 1996 zusammen. Es war am Anfang schwierig, das Thema Armut überhaupt auf die Agenda zu setzen. Die Politik wollte das Wort Armut anfangs nicht in den Mund nehmen sondern hat lieber von „sozialer Ausgrenzung“ gesprochen, weil es für sie fast ein Eingeständnis des eigenen Versagens war. Das heißt: Armut war kein Thema. Mit der Armutskonferenz hat sich das geändert. Zusätzlich haben wir durch die Armutskonferenz gesehen, wie viele Leute es gibt, die etwas gegen Armut unternehmen wollen, die aber weder öffentliches Gehör haben noch finanzielle Mittel. Das Wiener Spendenparlament ist uns als ein Instrument erschienen, um hier sowohl die Projekte öffentlich zu machen als auch Anschubfinanzierung zu erreichen.

 

Was gefällt Ihnen persönlich besonders am Konzept des Wiener Spendenparlaments?

Die Antwort ist vielschichtig. Das Spendenparlament erfasst wirklich innovative Projekte, die immer punktgenau das treffen, was wir fördern wollen. Ein anderer Punkt ist, dass es zu einem unerwarteten Mehrwert gekommen ist. Es war gedacht Spenden zu sammeln und diese in einem demokratischen Prozess in der Region Wien zu verteilen. Dass aus dem Wiener Spendenparlament weitere ehrenamtliche Engagements entstanden sind, finde ich am spannendsten. Weil es nachhaltiger ist, als eine einmalige Geldsumme.

 

Erfüllt das Wiener Spendenparlament die Ziele, die sich die Gründer gesteckt haben?

Ja, aber natürlich wünsche ich mir, dass das Projekt noch größer wird, denn es ist natürlich ganz klar, dass mehr Menschen geholfen werden kann, wenn sich mehr Menschen beteiligen.

(Das Interview mit Michael Chalupka zur Gründung des Wiener Spendenparlaments wurde im Jahr 2009 anlässlich des zehnjährigen Jubiläums geführt)