Am 27. Mai um 9 Uhr treffen wir uns mit Diplomkrankenschwester Frau Dalbosco, freie Mitarbeiterin von Arge MIK, bei der U3 Station Gasometer. Wir werden sie bei ihrem Einsatz begleiten und hautnah erleben, wie ein Arbeitstag bei Arge MIK aussieht. Die kurzen Einblicke, die wir dabei in verschiedene Leben nehmen, sind immer berührend, meist traurig, manchmal auch erheiternd oder skurril.

1. Station
11. Bezirk – Eine medikamentenabhängige Frau, Diagnose Schizophrenie, keine Krankheitseinsicht.
Da ihre Wohnung aus ungeklärten Gründen abgebrannt ist, lebt sie in einem betreuten Wohnheim. Den Besuch beim Psycho-Sozialen Dienst verweigerte sie bisher. Frau Dalbosco besorgt ihr die Medikamente für die nächsten 2 Tage, bringt ihr das Taschengeld. Wir warten im Auto. Nach 15 Minuten kommt sie mit der Klientin, die zum ersten Mal bereit ist, zum PSD zu gehen. Die Warteschlange dort ist ziemlich lang, doch der Arzt weiß Bescheid und lässt sie nicht lange warten. Wir dürfen sogar bei dem kurzen Gespräch anwesend sein und erfahren so, dass die Patientin dreimal verheiratet war. Nach dem Arztbesuch bringt Frau D. sie zu einem Supermarkt in der Nähe des Wohnheimes. Die Wege sind ihr vertraut, sie wird alleine heimgehen. Frau Dalbosos Telefon läutet in der Zeit mehrmals. Sie gibt Auskünfte, Anweisungen….

2. Station
11. Bezirk – Betreutes Obdachlosenheim
Dialysepatientin, die infolge früherer Alkoholprobleme geistig ziemlich abgebaut hat. Immer wieder gerät sie an Alkoholiker, die sie mißhandeln. Frau D. gibt ihr das Taschengeld, erkundigt sich nach ihrem Befinden, überprüft den Zustand des winzigen, nur mit dem Nötigsten ausgestatteten Zimmers, in das wir einen kurzen Blick werfen dürfen.

Weiter geht die Fahrt, vorbei am Arsenal und am Heeresgeschichtlichen Museum. „Manchmal begleiten wir Klienten, die sich das wünschen, hierher“, erzählt Frau D. Museumsbesuche mit KlientInnen, die sich diese Dienste leisten können, sind ein begehrter Job.

3. Station
5. Bezirk – Ein ca. 22-jähriges türkisches Mädchen, dessen geistige Fähigkeiten einer Achtjährigen entsprechen. Sie lebt bei ihrer Mutter, die Eltern sind getrennt. Sie in einem Tagesheim unterzubringen ist nicht möglich, da sie große Angst vor Männern hat. Die Vermutung, dass sie ein Missbrauchsopfer ist, liegt nahe. Frau D. geht einmal in der Woche mit ihr spazieren, in einen Eissalon oder, wie heute, zu McDonald’s. Sie ist ruhig und freundlich und während sie ihren Fischburger isst, wiederholt sie ihre fragmentarischen Erinnerungen an das psychiatrische Krankenhaus, in dem sie längere Zeit verbracht hat. Auf die meisten Fragen antwortet sie: “Weiß ich nicht“. Doch als wir sie fragen, ob sie in der Schule war, nennt sie eine Straße und eine Schule für behinderte Kinder. „Nächste Woche gehen wir auf ein Eis, wenn das Wetter schön ist“, sagt Frau D. zum Abschied und wir winken ihr zu.

4. Station
5. Bezirk – Ein ca 40-jähriger psychisch kranker Mann. Die Schwiegereltern verdächtigen ihn, die 14-jährige Tochter seiner Frau mißbraucht zu haben. Das Mädchen betrachtet ihn als seinen Vater. Es ist derzeit bei den Großeltern. Arge MIK ist in Kontakt mit dem Jugendamt und hat die Aufgabe, zu kontrollieren, ob es Veränderungen gibt. Während dieses Besuchs bleiben wir im Auto.

5. Station
10. Bezirk – psychisch kranker, geistig reduzierter Alkoholiker, geschieden, lebt alleine. Da er offensichtlich jahrelang keine Alimente bezahlt hat, ist er hoch verschuldet. Er bräuchte Medikamente, kann sich aber von den 65 Euro (! ), die er wöchentlich von seinem Sachwalter zugestanden bekommt, keine Rezeptgebühr leisten. Die Befreiung von der Rezeptgebühr wird ihm aber verwehrt, da seine tatsächliche Pension zu hoch ist. Dieser Teufelskreis macht ihn wütend und verzweifelt. Er verläßt die ungelüftete Wohnung kaum, scheint den ganzen Tag im Schlafrock vor dem Fernseher zu sitzen. Einmal in der Woche geht er einkaufen. Frau D. bringt ihm das Geld vom Sachwalter, lüftet die Wohnung, macht ein bisschen Ordnung. Sonst kann sie nichts für ihn tun. Da er sich keinen Wodka mehr leisten kann, gibt es auch kaum noch Flaschen zu entsorgen.

6. Station
3. Bezirk – ein altes Ehepaar, beide dement. Die Frau liegt zumeist im Bett, ihr Mann ist im Schlafrock. Nachdem er uns mit ausgesuchtert Höflichkeit begrüßt hat, sagt er, dass er sich gerade „ aus Solidarität“ zu seiner Frau auch ins Bett legen wollte. Die beiden wirken recht zufrieden und können dank der Heimhilfe und Arge MIK in ihrer Wohnung bleiben. Heute bringt Frau D. ihnen das Taschengeld, misst den Blutdruck und macht ein bißchen „small talk“. Dann geht es wieder weiter.

7. Station
3. Bezirk – „Am Mittwoch ist er immer stockbetrunken“, sagt uns Frau D., als wir vor der Wohnung eines ehemaligen Rauchfangkehrermeisters und Musikers stehen. „Er wird nicht aufmachen.“ Doch wider Erwarten öffnet sich die Tür nach kurzem Klopfen und ein Mann im Bademantel steht vor uns. Dass er einmal sehr attraktiv war, sieht man ihm  noch immer an. Es stört ihn nicht, dass Frau D. heute nicht alleine kommt, im Gegenteil, er unterhält sich gerne mit uns, während Frau D. die Küche sauber macht. In dem großen Wohnzimmer herrscht ein sympathisches Chaos, überall liegen Bücher herum. Frau D. würde sie gerne auf einem Stoß sehen, doch das geht nicht, er beschäftigt sich mit mehreren gleichzeitig. Wir sprechen über seine Zeit als Musiker, schauen Fotos aus besseren Zeiten an, auf denen er als junger Musiker mit einer E-Gitarre zu sehen ist,  Bilder von schönen jungen Frauen…. Später hatte er wenig Glück, wurde von einer Dame „abgezockt“, wie er sagt. Aber vor allem der Alkohol hat ihn ruiniert. Jetzt hat auch er einen Sachwalter. Fast tut es uns leid, dass Frau D. schon fertig ist. Am Freitag wird sie die beiden Zimmer in Ordnung bringen.
Ein interessantes Gespräch mit einem interessanten Menschen. Es berührt uns seltsam, dass er gerade diesen Mittwoch nüchtern ist…. Eine absolute Ausnahme, laut Frau Dalbosco.

8. Station
3.Bezirk – eine ca 40-jährige psychisch kranke Frau mit Borderlinesymdrom, wir bleiben daher im Auto. Damit die Klientin ihre Medikamente auch wirklich nimmt, muss man sie ihr täglich bringen. Der Besuch dauert nicht lange.

9. Station
11.Bezirk – eine ca 50-Jährige, vom Alkohol schwer gezeichnete Frau, die mit einem Alkoholiker zusammen lebt.
Frau D. muss dem Mann konkrete Aufträge erteilen. Der Haushalt funktioniert nur dann halbwegs, wenn man ihn unter Druck setzt, ihm droht, dass sie andernfalls aus der Wohnung müssen. „Ist die Wäsche gewaschen?“, fragt sie energisch. Dass die kranke Frau, die im Bett sitzt, Alkohol konsumiert hat, bestreiten beide, obwohl Frau D. es natürlich riecht. Sie gibt noch ein paar Anweisungen, ehe wir die Wohnung wieder verlassen.

10. Station
11. Bezirk – In der Wohnung der pensionierten Beamtin herrschen peinlichste Ordnung und Sauberkeit. Der freundliche Gruß von Frau D. wird mit „verschwinde!“ beantwortet. Wir sehen die Frau nur von hinten. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch, hebt manchmal den Kopf, dreht ihn nach links, um in scharfem Ton mit einer imaginären Person zu reden. Dann macht sie sich Notizen auf den vor ihr liegenden Zetteln. Sie scheint  noch immer in dem Amt zu sein, in dem sie lange, wahrscheinlich ihr Leben lang, gearbeitet hat. Für Frau D. ist das nichts Neues. Ihre Aufgabe ist es, das vorbereitete Menü aus dem versperrten Kühlschrank zu holen, es zu wärmen und auf den gedeckten Küchentisch zu stellen. Auch ein paar Brote streicht sie und gibt Obst in eine Schale. Arge MIK macht das täglich, andernfalls würde die alte Frau verhungern. Sie wirft alle Lebensmittel weg, die man ihr in den Kühlschrank stellt. Das vorbereitete Essen akzeptiert sie jedoch. Die Plastikbehälter wäscht sie säuberlich, trocknet sie ab und stapelt sie auf der Arbeitsfläche. „Nie finde ich irgendwelche Essensreste im Abfall“, erklärt Frau D. „Auf Wiedersehn, Frau N.!“, sagt sie freundlich, worauf wieder ein barsches „Verschwinde!“ als Antwort kommt.

11. Station
11.Bezirk –  ein freundlicher Mann um die 50, geistig ziemlich reduziert, Epileptiker. Man muss ihm einmal wöchentlich die Medikamente einschachteln. Er freut sich über den Besuch und einen kleinen Plausch. Er verbringt den Tag bei „Jugend am Werk“, wo er auch einfache Arbeiten verrichtet und dafür ein wenig Geld bekommt. Stolz erzählt er, was er dort sonst noch alles macht: die Blumen gießen, Kaffee kochen…. „Sie sind ja ein Mann zum Heiraten!“ sagt Frau Dalbosco lachend, ehe wir gehen und er strahlt, glücklich über das Kompliment.

Wir sind wieder am Ausgangspunkt unserer Runde angelangt, U3 Gasometer. Es ist 16 Uhr. Ein Tag mit Menschen und Schicksalen, die uns wohl noch eine Weile nicht loslassen werden, liegt hinter uns.
Wir danken Frau Dalbosco, dass wir sie bei einem ihrer anstrengenden und verantwortungsvollen Einsätze begleiten durften.

Arge MIK wurde 2008 vom Wiener Spendenparlament unterstützt, damit diese auch den Menschen ihre Dienste anbieten kann, die ohne jedes soziale Netz sind.