Nicht zum ersten Mal sind wir am Schöpfwerk, um ein vom Wiener Spendenparlament unterstütztes Projekt zu besuchen.

In dieser Wohnanlage lebten früher vor allem österreichische Familien mit niedrigen Einkommen. Es gab viele Probleme, wie Vandalismus, Aggression, häufig infolge von Alkoholkonsum. Jetzt leben hier immer mehr migrantische Familien, meist Muslime, die keinen Alkohol trinken. Die Anlage ist daher sicherer geworden.

Aber es gibt andere Probleme, die vor allem die Frauen integrationsferner Familien betreffen. Sie tun sich schwer mit der deuschen Sprache, haben wenig Schulbildung und kaum Jobmöglichkeiten, sind häufig arm und leben sehr zurückgezogen. Es fehlen ihnen Informationen und Kontakte, um hier ein zufriedenstellendes Leben zu führen. Das Projekt „Nachbarinnen“ soll dieser Personengruppe Hilfe zur Selbsthilfe anbieten, sie dazu befähigen, die Angebote der Stadt Wien in den Bereichen Bildung, Soziales und Gesundheit selbst nutzen zu können. Es wurde von Renate Schnee und Dr. Christine Scholten ins Leben gerufen.

„Nachbarinnen“ sind gut integrierte Migrantinnen mit türkischer, arabischer, somalischer und tschetschenischer Muttersprache, die in einem eigens dafür entwickelten fünf monatigen Lehrgang zu mobilen sozialen Assistentinnen ausgebildet wurden. Sie sprechen die Frauen an öffentlichen Plätzen an und bieten ihnen ihre Hilfe an.

Nach einem ersten Treffen erstellt die „Nachbarin“ eine Familien-Checkliste, in die sie alles einträgt, was sie über die Familie weiß. Während der Zusammenarbeit wird sowohl von der Familie, als auch von der betreuenden „Nachbarin“ ein Familienbuch geführt.

Bei den wöchentlichen Treffen werden Ideen für weitere Schritte entwickelt. Da die Nachbarinnen mit Sprache und Kultur der betreuten Familien vertraut sind und sie bei ihrer Tätigkeit weitergeben, was sie selbst einmal gelernt und erlebt haben, sind sie immer auf Augenhöhe mit ihrem Gegenüber.

Derzeit gibt es 13 „Nachbarinnen“, die jeweils 5-10 Familien betreuen. Sie sind für 20 Stunden angestellt. Die Gehälter werden von der öffentlichen Hand finanziert. Alle 4 Wochen gibt es eine Supervision.

Nachbarinnen helfen zurückgezogenen Migrantinnen bei den ersten Schritten nach „draußen“. Für Frauen mit mangelhaften Deutschkenntnissen sind Amtswege, Arztbesuche oder Elternsprechtage in der Schule große Hürden, die sie alleine nicht überwinden können. Die „Nachbarinnen“ begleiten sie auf diesen Wegen. Auch wenn es darum geht, die Kinder in schulischen Belangen zu unterstützen, sind viele Mütter überfordert.

Daher ist die Förderung und Bildung der Kinder ein wichtiges Anliegen. Derzeit bekommen ca 50 Kinder häusliche Lernhilfe durch ca 40 Lernhelfer.

Dank zweckgebundener Sponsorengelder gibt es auch diverse kulturelle Aktivitäten für Kinder, wie Museumsbesuche, Stadtspaziergänge, Erkundung der unmittelbaren Umgebung (Ausflug zu den Ziegelteichen) etc.

Doch auch die Mütter werden gefördert. Die „Nachbarinnen“ ermutigen sie Deutsch zu lernen. Das erfreuliche Ergebnis: Die angebotenen Deutschkurse für Erwachsene erleben einen unerwarteten Ansturm!
Daneben gibt es auch Nähkurse, an denen besonders die arabischen Frauen interessiert sind. Soroptimistinnen haben Nähmaschinen gespendet.

Wir haben bei unserem Besuch die Gelegenheit, an einem „Bildungsfrühstück“ teilzunehmen, das in der „Bassena“, dem Kommunikationszentrum des Schöpfwerks, stattfindet. Hier werden im Rahmen eines geselligen Beisammenseins Informationen zu den Themen Erziehung, Bildung und Gesundheit gegeben, um die Kompetenz der Frauen in diesen Bereichen zu stärken.

Als wir kommen, sind schon ungefähr 50 Frauen in angeregtem Gespräch, auf Türkisch und Arabisch. Brot, Käse, Tomaten, Marmeladen, dazu Tee und Kaffee stehen bereit. Nach dem Frühstück steht diesmal der Vortrag einer jungen türkischen Hebamme über Verhütungsmethoden auf dem Programm.

Die Frauen sitzen nach Sprachen geordnet an den Tischen, es muss gedolmetscht werden. Overheadprojektionen veranschaulichen das Gesagte. Die Zuhörerinnen können natürlich Fragen stellen.  Wir verstehen zwar nicht, was die Frauen sagen, aber dass sie regen Anteil nehmen, ist zu hören. Frau Gül Ekici, eine der ersten „Nachbarinnen“, muss immer wieder eingreifen und Ruhe herstellen.

Nach dem Bildungsfrühstück beginnen Deutschkurse und wir unterhalten uns noch mit Renate Schnee. Ihr Engagement und ihre Begeisterung für das Projekt wirken ansteckend. Es entwickelt sich sehr gut, meint sie, die Frauen werden aktiver und haben viele Ideen.

Wir wünschen weiterhin viel Erfolg auf dem Weg zum Ziel, das darin besteht, Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben, in deren Mitte zu holen.

 

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