Was uns bei unserem Besuch als erstes auffällt ist die äußerst einfache Ausstattung der Räumlichkeiten. Nichts ist zu finden von den modernen Gerätschaften wie sie im heutigen Schulbetrieb selbstverständlich sind. Dafür gibt es aber viel von einer wichtigen Voraussetzung für fruchtbares Lernen, nämlich Motivation.

Sie ist eines der entscheidenden Kriterien für das Aufnahmeverfahren und sicherlich auch die Voraussetzunög für den großen Erfolg. Zwischen 80% und 90% der AbsolventInnen bestehen die Hauptschul-Abschlussprüfung. Bei anderen Kursen liegt die Quote oft nur bei 50%.

Wir können an der wöchentlichen Plenarsitzung teilnehmen, bei der SchülerInnen, LehrerInnen und BetreuerInnen Probleme, Vorschläge und Wünsche vorbringen und diskutieren können. Als Diskussionsleiterin meldet sich eine junge Mazedonierin, die ihre Sache sehr gut macht. Der Stundenplan für die nächste Zeit, die Vorbereitungen für die bevorstehenden Prüfungen, der Besuch zweier Mitarbeiterinnen des AMS müssen besprochen werden.

Besonders bemerkenswert scheint uns die Geduld, mit der die LehrerInnen auf alle Argumente und Einwände ihrer SchülerInnen eingehen. Das ist es auch, was die KursteilnehmerInnen schätzen: Es wird nicht geschriehen (und nicht geschlagen, fügt ein Nigerianer hinzu), sie werden wie Erwachsene behandelt, was sie ja auch sind.

Im anschließenden Gespräch mit den LehrerInnen fällt uns deren echte Anteilnahme an ihren SchülerInnen auf. Sie sind stolz auf sie und freuen sich über jeden Entwicklungsschritt.

Zum Beispiel: Als G., ein junger Österreicher, kam, hatte er eine ganz zittrige Hand und konnte dadurch  schlecht schreiben. Das hat jetzt aufgehört. Er ist sogar in Geometrisch Zeichnen sehr gut, hat eine Stellung in der Gruppe und hat an Selbstvertrauen gewonnen. Eine der Lehrerinnen ist begeistert von S., einer jungen Kosovarin, die erst seit zwei Jahren in Österreich ist und vorher kein Deutsch konnte. Ihr Aufsatz, der bei einem Schreibwettbewerb eingereicht wurde, berührt auch uns sehr. Die junge Frau wurde auch schon initiativ bei der Suche nach einer Lehrstelle als Zahnarztassistentin.

M., ein junger Türke, wollte Mechaniker werden, nun aber, auf Grund seiner guten Leistungen, denkt er schon an eine höhere Schule.

I., ein Nigerianer, möchte Zahntechniker werden. Eine Lehrerin sagt uns, dass er sehr verlässlich ist, sie würde für ihn “die Hand ins Feuer legen”.

“Jugendchance” ist also wirklich eine Chance für eine positive Wende auf dem Lebensweg und wir freuen uns, dass wir mithelfen konnten.

Bedauerlich jedoch ist, dass die künftige Finanzierung dieses Kurses nicht gesichert ist, da der Beitrag des Europäischen Sozialfonds (46%) nur eine Starthilfe war und jetzt von Österreich übernommen werden müsste. Der Trägerverein von “Jugendchance”, IBISOK (Verein zur Förderung Sozialer Kompetenzen, integrativer Bildung und beruflicher Integration von Jugendlichen und Erwachsenen) hat keine gewichtige Organisation wie z.B. die Volkshochschule oder das AMS hinter sich. Dadurch rangiert “Jugendchance” als Schlusslicht in der Reihe der zu finanzierenden Kurse.

Besuch bei „Jugendchance“
Erika Poeschl, Gerlinde Reijsoo, Renate Schütz