Dieses Projekt hat bei der Abstimmung der letzten Spendenparlamentssitzung von den SpenderInnen die meisten Punkte bekommen. Am Freitag dem 26. 3. sind wir zu einem Gruppenabend eingeladen und können so Einblick in die Tätigkeit und Arbeitsweise dieser Organisation gewinnen.

Der Verein wurde 2006 gegründet und hat sich zur Aufgabe gestellt, Zuwanderern und Asylwerbern – vor allem Roma und Serben – die ersten Schritte  in Österreich zu erleichtern.  Schwerpunkte dabei sind: Informationen zum Umgang mit Behörden, Erklärungen des österreichischen Systems, Rechtsberatung und Hilfe zur Alphabetisierung.

Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Paulo Freire Zentrum, dessen Ideen als Grundlage der Arbeit dienen. Im Mittelpunkt steht dabei der Dialog zwischen Hilfesuchenden und Beratern, der zur Reflexion der eigenen Situation, Bewußtseinsbildung  und in weiterer Folge zu autonomem Handeln führen soll. Derzeit arbeitet ein Praktikant aus dem Paulo Freire Zentrum mit Frau  DSA Elisabeth Ettmann und Herrn Djurica Nikolic.

Die Gruppe trifft sich regelmäßig im 15. Bezirk in schön ausgebauten und gemütlich eingerichteten Souterrain Räumlichkeiten, die der  Pfarre „Maria vom Siege“ gehören. Wir sitzen alle gemeinsam um den heute feierlich gedeckten Ostertisch.

Im ersten Teil der Zusammenkünfte steht meist der Austausch von persönlichen Erfahrungen und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten einander ähnlicher Lebenssituationen. Die anwesenden Männer und Frauen benutzen untereinander die ihnen vertrauten Sprachen: Serbisch, Romanes und Rumänisch. Sie finden in diesem Kreis eine Art emotionale Heimat.

An diesem Nachmittag ist ein wichtiges Thema der Bericht von Frau Ettmann über einen Besuch bei der Bezirksvorstehung. Anlass ist ein EU-Projekt, bei dem es um die Erarbeitung eines Leitbildes zum Thema Integration geht. Der 15. Bezirk hat als Zielvorgabe: Es soll den Zuwanderern im Bezirk gut gehen.  Um Theorie und Praxis zusammenzuführen, hat Frau Ettmann die Arbeitsgruppe des Bezirks und die MA 17 (Integration und Diversität)  zu einem Gruppenabend eingeladen. Die persönliche Begegnung von Politikern bzw. Beamten mit Betroffenen, über die sonst nur am grünen Tisch verhandelt wird, soll Einfluss auf politische Entscheidungen bewirken.

Es gefällt uns, dass die Bemühungen der Mitarbeiter des Vereins sich nicht darauf beschränken, bei den Schwierigkeiten einzelner Menschen ansetzen, um Not zu lindern, sondern dass die Bemühungen auch dahin gehen, an den Strukturen etwas zu ändern.

Die Einblicke in die bedrückende, oft ausweglos scheinende Lebenssituation dieser Menschen  ist auch für uns deprimierend. Da ist ein älteres Ehepaar, das schon lange in Wien lebt. Die Frau ist mittlerweile österreichische Staatsbürgerin, der Mann noch Serbe. Beide haben hart gearbeitet. Die Frau ist abgerackert, hat Probleme mit den Fingergelenken und den geschwollenen Beinen. Nach einem Schlaganfall vor zwei Jahren  ist der Mann nicht nur arbeitsunfähig, sondern ganz auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Diese wiederum kann dadurch keiner Vollbeschäftigung mehr nachgehen. Der Mann hat nur eine kleine Invalidenpension. Die finanzielle Lage des Paares ist sehr schwierig geworden, daher sucht sie kleine Nebenbeschäftigungen, die nicht leicht zu finden sind und ihr auch nicht leicht fallen wegen ihrer gesundheitlichen Situation.

Frau N. spricht gut deutsch. Sie hat in einer Reinigungsfirma gearbeitet. Nach ihrer Kündigung ging sie zum AMS und erfuhr dort, dass sie keinerlei Ansprüche hat, da sie von der Firma nicht angemeldet war und sie keine Arbeitserlaubnis hat. Ihr Mann ist Rumäne, spricht kaum Deutsch und hat auch keinerlei Ausbildung. Die Übergangsbestimmungen der EU geben ihm keine Möglichkeit, legale Arbeit zu finden. Er möchte seine Familie (3 Kinder) mit ehrlicher Arbeit durchbringen, „nicht stehlen und einbrechen“, beteuert er immer wieder.

Frau M. war schon als Kind mit ihren Eltern (Gastarbeitern) in Österreich, dann wieder im damaligen Jugoslawien. Jetzt ist sie mit ihrem serbischen Freund, der nicht Deutsch kann, zurückgekommen und hofft, mit ihm gemeinsam irgendwo Arbeit zu finden, z.B. in der Altenbetreuung.

Es gibt Situationen, in denen der Verein kaum helfen kann. Wenn es z.B. um Asylanträge geht, die nach langen Jahren des Wartens negativ entschieden werden. Wie bei Frau W., die seit mehr als 5 Jahren in Wien lebt. Nun steht ihr und ihren Kindern die Abschiebung bevor. Der Älteste (19 J.) ist von zu Hause weggelaufen, weil er sich davor fürchtet. Die Jüngste (13 J.) geht gerne in die Schule und lernt gut. Die 17-jährige Tochter hat vor kurzem ein Kind bekommen. Die Familie weiß nicht, wo sie sich in Serbien hinwenden soll, um neu anzufangen. Die Kinder sprechen nicht serbisch, sondern nur deutsch und romanes. Das Elternhaus von Frau W. wurde im Krieg zerstört. Wo sollen sie Unterschlupf finden?  Der Rücktransport bis Belgrad wird von Österreich organisiert. Wie es weitergehen soll, ist völlig offen.

Herr N. (23 J.) ist mit einem 3-monatigen  Besuchervisum in Wien und hat Arbeit gefunden. Er braucht unbedingt Geld. Als Roma haben sie in Serbien wenig Chancen. Auch sein Vater ist arbeitslos. Die Großfamilie bewohnt ein Häuschen in elendem baulichen Zustand. Zwei der drei Kinder von Herrn N. leiden dadurch an Asthma. Die Ratten sind zu einer richtigen Plage geworden und haben die Kinder und auch Herrn N. schon während sie schliefen gebissen.

Alle diese Berichte bewegen uns sehr, zeigen uns aber auch, dass diese Menschen oft recht unrealistische Erwartungen haben. Verhaftet in ihrer Tradition, die sich manchmal schwer mit  den  Anforderungen der Arbeitswelt vereinbaren lässt, geraten sie an den Rand der Gesellschaft.

Herr Nikolic erhofft sich viel von den Möglichkeiten, die durch ein neues Hausmeistergesetz geschaffen werden könnten. Frau Ettmann warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen.

Als wir nach mehreren Stunde aufbrechen wollen, bitten uns alle, doch noch zu bleiben. Vor allem die Frauen wollen noch einzeln  mit uns reden. In völliger Verkennung unserer persönlichen Möglichkeiten  und unserer Rolle, erhoffen sie sich Unterstützung, Arbeit, Hilfe aller Art….

Durch unseren Besuch wird uns klar: „Der erste Schritt“ hat  ganz wichtige Aufgaben zu erfüllen, wobei Frau Ettmann und Herr Nikolic einander gut ergänzen. Herr Nikolic, selbst Rom, kennt die Lebenswelt der Ratsuchenden und versteht sich als interkultureller Multiplikator und Frau Ettmann  hat langjährige Erfahrung mit den österreichischen Behörden. Sie hat uns auch freudestrahlend erzählt, dass sie mit anderen, vom Spendenparlament unterstützten Projekten, Kontakt aufgenommen haben  (Talent Mensch Sein, Aktion Schulanfang, Quartier 10). Wir freuen uns, dass das Wiener Spendenparlament wieder einmal Plattform für eine solche Vernetzung geworden ist.